Orangen und Oliven vs Selbstversorgerhof

„Trampen geht in Spanien nicht. Das dauert voll ewig“


Sätze wie diesen habe ich schon oft gehört. Von allen möglichen Freunden und Freundesfreunden. Aber noch nie jemanden, der mir sagte, dass er/sie gute Erfahrungen mit Trampen in Spanien gemacht habe. Seltsam? Ich empfand trampen in Spanien als sehr angenehm. Natürlich ist nicht so viel los, wie auf deutschen Autobahnen und man kann sich auch nicht so gut mit den Leuten unterhalten, wie es in der Muttersprache möglich ist, aber es war möglich und recht flott durchquerten wir Spanien. Von Perpignan an Barcelona vorbei mit 3 oder 4 Autos bis wir bei Marc und Corinne im Auto saßen, einem französischen Paar aus Marseille, die in ihrem Strandhaus nahe Valenzia eine Woche verbringen wollten. Steffi und ich wurden kurzerhand für eine Nacht und Paella eingeladen und nahmen das Angebot dankend an. Auch wenn die Sprachbarriere für einige Komplikationen sorgte, war die Stimmung sehr gut und liebevoll. Als kleines Dankeschön für die Gastfreundschaft, führten wir unsere Gastgeber an den Strand und gaben im Mondschein eine Feuershow.

Am nächsten Tag wurden wir wieder auf die Autobahn gefahren und zu einer super Raststätte gebracht, wo wir Basti, einen anderen deutschen Tramper trafen, der auf dem Weg zu einem Rainbow-Gathering war. Unser Ziel stand noch immer nicht ganz fest, und wir überlegten auch dorthin zu gehen. Doch die Alternative war Amiros Hof nördlich von Granada, auf dem Steffi für einige Monate helfen möchte. Und Selbstverorgerhöfe in den Bergen sind schon immer sehr attraktiv. Also die Autobahn weiter Richtung Granada, durch wunderschöne grüne Landschaften, durch Berge und gigantischen Monokulturen von Orangen. Alles im 200km Radius um Valenzia sind Orangen – große, kleine, runde, eckige. Alles für den Export unter anderem nach Deutschland. Da die Ernte bereits vorbei war, konnten wir in den Obstgärten noch einige vergessene Orangen finden, die super süß waren. Mjam!

Von unserem schwedischen Lift ließen wir uns bis kurz vor Granada mitnehmen, wo wir an einer Tankstelle neben der Autobahn rausgelassen wurden, und uns einen Schlafplatz suchen wollten. Der Tankwart hat uns freundlich angeschaut, also haben wir mit ihm gesprochen und er hat uns nach nichtmal 2 Minuten einen Schlafplatz bei ihm angeboten. Nach kurzem Telefonat mit seiner Freundin, kam diese im Auto her, um uns und einen kleinen Hund, der an der Tankstelle ausgesetzt wurde, mitzunehmen. Im Haus von Juan und Mery leben noch weitere 2 Hunde und 3 Katzen, da die beiden in einem Netzwerk aktiv sind, das Straßenhunde aufnimmt, zum Arzt bringt und dann nach u.a. Deutschland transportiert, damit die Tiere dort ein neues Zuhause finden. Einige Tage später wurde auch einer der beiden Hunde nach Deutschland gebracht und auf meiner Heimreise traf ich auch einen Transporter voller Hunde. Die Nachfrage und das Angebot scheinen beide recht groß zu sein…

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Blick auf Alhambra

Einen wunderschönen Regentag durch Granada später hatten wir Alhambra, eine alte muslimische Festung auf dem Hügel, gesehen. Ein toller Ort voller Touristen und schöner Bäume: Kastanien, Eschen, Haselsträucher und das circa 1000km südlicher als ihre natürlichen Vorkommen. Das fand ich richtig schön, diese alten Bekannten zu treffen. Auch in der Innenstadt von Granada gab es so manch schöne Platane mit locker 1,5 -2m Stammdurchmesser zu bewundern. Aber auch die kleinen Gassen voller Bazare und die Tapas-Bars, in denen man zu jedem Getränk ein Tapa bekommt, machen Granada zu einem schönem Ort. Irgendwo soll es auch noch heiße Quellen geben, an denen auch Leute leben und auch einmal im Jahr umsonst ein Festival stattfindet, das wir leider um 2 Wochen verpasst haben.

Am folgenden Tag sollten wir am vorläufige Ende unserer Reise ankommen: El Pardal in der Sierra Cazorla. Mit einer Mitfahrgelenheit ging es morgens um halb 7 (!) los nach Cazorla, wo wir nach einem ausgiebigen Frühstück für den Tag gerüstet waren. Noch von einer netten Frau in den Nachbarort mitgenommen worden und von da aus mussten – oder durften –  wir laufen. Sonne über uns, links und rechts Täler und wir liefen auf dem Kamm entlang. Links konnten wir bis zum Horizont hin die Olivenplantagen sehen – die Region hab ich mir sagen lassen ist berühmt für ihr Olivenöl, der Preis sind die Monokulturen. Auf dem Weg haben wir ein lustiges niederländisches Rentnerpaar getroffen, die mit ihren 70 Jahren immernoch auf wochenlange Trekkingtouren durch Lappland gehen und topfit und voller Lebensfreude durch die Botanik laufen. Sehr eindrucksvoll und da weiß man doch gleich, wie man selbst in 50 Jahren drauf sein möchte, oder? =) 

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Links „unser“ Wohnwagen und rechts die Spinx – toller Ort für den Sonnenuntergang

Unser Weg führte uns für einige Stunden bergauf und immer weiter den Kamm entlang, bis wir in der Ferne einen Berg sehen konnten, der nur „die Sphinx“ genannt wird und da wussten wir, dass es nicht mehr weit sein kann. Der Wohnwagen, die Ziegen und bellenden Hunde bestätigten die Vermutung recht schnell. Durch 3 Tore gelangten wir auf das Gelände und wurden von Paloma und Sammy, den beiden Hunden freudig begrüßt. Kurz darauf kam auch Amiro aus dem Haus raus und wir trafen dazu noch auf Mimi aus Belgien, die auch auf el pardal wohnt und hilft. Am nächsten Tag kam noch Lin von einem Festival zurück und damit waren wir zu 4. Wir durften uns dann in einem etwas ranzigen Wohnwagen einnisten, den wir erstmal einen Tag putzten, um Spinnen, Mäusedreck und Staub los zu werden um uns wohl fühlen zu können. Tags darauf waren wir schon voll im Hofalltag involviert mit Ziegen melken und Kartoffeln im Garten ertnen, den nahen Kiefernwald feuerfest machen und Beete herrichten. Auf dem Hof gibt es 2 große Gärten mit allen möglichen Kohlarten, Mangold, Kärutern, viel Vogelmiere, Karotten, Erdbeeren, aber leider etwas verwahrlost und es bräuchte einige helfende Hände, die die Beete wieder herrichten. Ich hab mich einem Beet angenommen und alle Gräser und sonstigen Beikräuter auf einer 2mx2m Fläche rausgeholt, was 2 Tage gedauert hat. Danach habe ich eine Mischkultur aus Erdbeeren, Sonnenblumen, Mangold, Karotten und Erbsen angelegt. Bin mal gespannt was da passiert. Amiro ist seit fast 35 Jahren auf el pardal und beherbergt immer wieder WwooferInnen oder FÖJlerInnen über EOS, die dann einen großen Teil der Arbeit auf dem Hof machen. Neben den Ziegen und 2 Gärten gibt es noch Hühner und halbwilde Pferde, die man einfangen kann zum Reiten. Es gibt ein Kompostklo, bei dem leider der Kompost nicht genutzt wird, aber dafür mit Wasserschlauch statt Klopapier, was ich so auch noch nicht kannte, aber sehr gut fand – spart Abfall. Im Frühjahr ist der Ort dank zahlreicher Quellen paradiesisch, aber ich glaube, dass es im Sommer sehr trocken wird und viel abstirbt. Die trockenen Kiefernwälder, die regelmäßig abbrennen und die stacheligen Büsche lassen darauf schließen. 1500m über Null wird es im Winter auch sehr kalt und auch wir mussten mit Wärmflaschen schlafen, da es sonst zu kalt gewesen wäre. Dafür hat man ein super Panaroma, ein Tal zum Reinrufen und dem Echo lauschen, einen atemberaubenden Sternenhimmel und vor allem Ruhe. Nichts zu hören außer Wind und Tieren.

Bei den Ausflügen zu den benachbarten Höfen lernten wir die anderen Leute aus der Sierra kennen: wie Amiro hauptsächlich Deutsche, die in den 80er hier her kamen, auf der Suche nach einem alternativen Leben, ab von der Konsumwelt Deutschlands und die sich den Traum von Selbstversorger erfüllen wollten. Es tat mir sehr gut zu sehen, wie diese Menschen leben und auch dass wir sehr herzlich und offen aufgenommen und zum Essen eingeladen worden sind, obwohl wir de facto Fremde waren. Besonders beeindruckt haben mich die Leute, die selbst ihre Schweine geschlachtet haben. Als Vegetarier und Veganer habe ich mich schon viele Jahre mit dem Fleischkonsum und der Massentierhaltung auseinander gesetzt und finde, dass Leute die Fleisch essen wollen, bei einer Schlachtung dabei gewesen sein sollten oder sogar selbst schlachten sollten, um zu wissen, dass das Fleisch mal ein Tier war. Jedenfalls wurde auf diesem Hof es genau so gemacht, wie es es vertretbar finde: Schweine, die seit 2 Jahren auf dem Hof lebten wurde erst mit dem Hammer eine drüber gezogen und danach die Kehle aufgeschnitten. Alles wurde verwendet! Für Blutwurst, Schinken, sogar die Wirbelsäule zum Würzen von Suppen o.ä. und die Leute haben geweint, als die Schweine tot waren, weil sie eben Teil der Gemeinschaft waren und es ein großes Opfer gebracht wurde.

Die Höfe waren alle von vielen Elementen der Permakultur inspiriert und waren damit keine Monokulturen, so wie wir sie auf dem Weg immer gesehen hatten. Die Stabilität von Mischkulturen und das intelligente Nutzen der Bodens war hier bei den Leuten in den Köpfen und es ging nicht darum möglichst viel von einer Pflanze zu produzieren, sonder darum möglichst viele Pflanzen wachsen zu lassen, um eine größtmögliche Auswahl an Nahrung ernten zu können. Das war auf jeden Fall einer dieser Orte, nach denen ich suche. Leider war eine Woche viel zu kurz, um wirklich viel lernen zu können, aber ich weiß wo dieser Ort ist und kann ich wieder aufsuchen.

3 Tage habe ich dann per Anhalter gebraucht, um wieder nach Deutschland ins Haus meiner Eltern zu kommen. Zum ersten Mal auf Raststätten im Wald geschlafen, an Raststätten containert und viele viele Kilometer gesessen und gewartet bis mein Körper an einem anderen Ort ist. Der Geist ist noch irgendwo anders. Ich glaub der Geist kann nur wenige Kilometer pro Tag reisen, deswegen braucht man auch immer eine Eingewöhnungszeit an einem neuen Ort. Jetzt bin ich fast eine Woche bei meinen Eltern, genieß die Vorzüge der Zivilisation, aber sehe auch die Kaputtheit der Gesellschaft.

Nächste Woche geht’s in die Lausitz zu Ende Gelände. Klimacamp und Aktion des zivilen Ungehorsams gegen die Braunkohleverstromung, sowie Leben von Alternativen und Treffpunkt für Menschen mit guter Energie 😉

Baumocin

In erster Linie bin ich Erdenbewohner. Auf meiner Reisen möchte ich lernen ein besserer Teil dieser Erde zu werden und ihr nicht zur Last zu fallen, sondern in Harmonie zu leben. In den letzten Jahren habe ich gemerkt wie wenig ich weiß. Deswegen begebe ich mich hinaus in die Welt und ins Unbekannte auf der Suche nach Menschen, die mir Wissen, Fertigkeiten und Ideen geben, wie ein alternatives Leben aussehen kann, das nicht auf Konsum, Profitmaximierung und Egoismus basiert. Das Anlegen von Gärten, Bauen von Konstruktionen zur Versorgung mit Energie, Wasser oder anderem und das Lernen von Kommunikation sind meiner Meinung nach dabei essentiell. Auf diesem Blog möchte ich die Ideen, Eindrücke und Erfahrungen aber vor allem auch die Menschen vorstellen, die mir begegnen und Anregungen an jede(n) geben im Privaten aber auch in der Gesellschaft einen Wandel voranzutreiben hin zu einer ökologischeren, nachhaltigeren und friedlicheren Welt

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