Eine Nacht in: Prag

prague-923174_1920



//

Eine Nacht in Prag.

Schon der Bahnhof schreit mir „Touristenparadies“ entgegen. Am Geldautomaten gibt es eine Schlange. Vor mir wartet ein Junggesellinenabschied. Die Damen schnattern über den Wechselkurs. Anscheinend haben sie im Zug schon ordentlich getankt. Ich hebe das Budget für eine Nacht ab und mache mich zu Fuß auf den Weg zum Hotel. Das Taxi spare ich mir, und nutze die Zeit lieber für eine erste Erkundungstour. Soll sich doch der Jungesellinenabschied über den Tisch ziehen lassen. Für Taxen kommt in Prag etwas anderes, als ein fixer Preis, dessen Höhe man vorher recherchiert hat, nicht in Frage. Mit eingeschaltetem Taxameter fährt der Fahrer Umwege. Der Preis, den er zuerst anbietet, ist auf jeden Fall zu hoch. Die einzige Alternative ist, solange zu verhandeln, bis man sich nicht mehr verarscht vorkommt. Und dazu fehlt mir so direkt nach der Ankunft einfach die Kraft.

Da auf Prags Straßen so ziemlich jeder Englisch spricht, finde ich das Hotel recht schnell, freue mich dort trotzt des kleinen Budgets über ein sauberes Bett und Bad und mache ohne meinen Rucksack gleich wieder kehrt, um meine Erkungen fortzusetzen und wende mich Richtung Moldau. Nach wenigen Metern entdecke ich einen Nachtkiosk, mit denen die Stadt zugepflastert ist, und kaufe ein Pivo (Bier). Mit der geöffneten Dose laufe ich die Uferstraße in Richtung Karlsbrücke entlang.

Vor der Brücke tummeln sich die Touristen und das lockt natürlich auch Schlepper an. Sie tragen lange Mäntel in knalligen Farben und verteilen Flyer für ihre Cabarets mit jungen Tschechinnen und Angeboten wie „Get a free drink“ darauf an so ziemlich alle, die nicht als Pärchen unterwegs sind. Werden sie mir auch einen andrehen? Sehe ich aus wie ein Sextourist?charles-bridge-913269_1920

Ich schiebe mich durch die Menschen über die Brücke. Vor mir erhebt sich die gelb erleuchtete Burg, zu ihren Füßen, am Fluss, schläft das Kafka Museum. Niemand bietet mir einen Flyer an. Ich bin darüber sehr erleichtert. Ich wirke also nicht wie ein Sextourist, auch wenn ich ohne Begleitung unterwegs bin.

Die Karlsbrücke ist eine Fußgängerzone und in diesem Augenblick geht darüber ein geradezu unendlicher Verkehr. Zeit, um den spektakulären Blick auf die Stadt zu genießen. Man kann diese Zeit natürlich auch nutzen, um Fotos davon zu machen. Ich fotografiere auf Reisen so gut wie gar nicht, weil ich schlecht darin bin, kann das Bedürfnis zu Fotografieren aber durchaus verstehen. Geliebte Menschen vor Urlaubskulissen.

Was ich nicht verstehe, ist der Selfie-Wahn, wie ich ihn hier zum ersten Mal erlebe. Vielleicht liegt es daran, dass ich länger nicht unterwegs war, vielleicht ist Prag auch selfie-verseuchter als andere Städte, jedenfalls kennt der Wahnsinn auf der Brücke kein Halten. Anfangs nervt es mich, um die ausgestreckten Stöckchen herum eiern zu müssen, nach einer Weile macht es mich ernsthaft wütend und dann nur noch traurig, als ich auf dem Rückweg einer Asiatin vom Hinweg wieder begegne, die sich keinen Meter weit fort bewegt hat, deren Mimik-Karussell vor der Linse aber Runde um Runde dreht. Ist nicht der Weg, sondern das Selfie das Ziel?

Dann schon lieber Sextourismus. Womit wir wieder beim Thema wären. Auf dem Weg durch die Altstadt lässt die Schlepperdichte nicht nach und so langsam beunruhigt es mich doch, dass mich einfach niemand ansprechen will. Wirke ich etwa zu unsympathisch? Zu finster? Zu viel Bitchface? Auf dem Platz unter der astronomischen Uhr gibt es heißen Kirschpunsch und tschechische Bratwurst. Trinkend und kauend strenge ich mich an, eine sympathische Miene aufzusetzen. Bei der Zigarette im Anschluss gehe ich sogar aufs Ganze und versuche es mit lüsternen Blicken. Ohne Erfolg. Sehe ich vielleicht zu arm aus? Als könnte ich mir Cabaret ohnehin nicht leisten? Das stimmt streng genommen, ich hatte aber gehofft, dass man es mir nicht ansieht.

In so einem Laden kommt man mit zehn Euro für ein Bier meist nicht aus. Und das Personal achtet natürlich penibel darauf, dass man immer mit einem Getränk versorgt ist. Man soll den Mädchen Champagner ausgeben und sollten sie es dabei schaffen, einen so weit anzuheizen, dass man mit ihnen nach hinten verschwinden will, kann so ein Cabaretbesuch leicht auch gut gefüllte Reisekassen leeren. Für mich ist das alles sowieso nichts, mein Nachtleben wartet knapp 700 Kilometer auf mich. Trotzdem würde ich gern angesprochen, um mir zu beweisen, dass ich durchaus offen auftreten kann.

Mit einer frischen Dose Pivo in der Hand setze ich meinen Weg in Richtung der neueren Stadtviertel fort. Markenläden lösen die Souvenirgeschäfte der Altstadt ab, dazwischen H&M und Mc Donalds, mit demselben Style wie überall auf der Welt. Vom Prag Kafkas zum Prag des Kapitals und der Konzerne. Aber ich genieße es und gönne mir noch ein Pivo. Die Stadt hat mich bereits in ihren Klauen. Um es mit Kafka zu sagen: „Prag läßt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen.“ Was ich auch tue und mich durch die feuchtfröhlichen und erotischen Verlockungen treiben lasse. Die sorgen für gute Stimmung bei allen. Fröhliche Touristen, fröhliche Schlepper, fröhliche Dealer und Huren. Love is in the air. Und dann endlich passiert es: Ein dunkelhäutiger Kerl in einem knallroten Mantel mit einem breiten Silberstreifen in der Mitte versperrt mir den Weg und sagt:

„Hi my man.“

Ich grinse mir einen und sage ebenfalls: „Hi.“

„How are you my brother? Where you from?“

„Fine. Germany.“

„You like girls?“

„Who doesn’t? But I will not pay them.“

„I get you free drink!“

„Sorry, but no.“

Er mustert mich einen Moment.

„You want smoke?“ Dabei macht er die internationale Kiffergeste, indem er Daumen und Zeigefinger aneinander gedrückt zum Mund führt, als würde er einen Joint in seiner Hand verstecken. Und dieses Angebot an lokalen Spezialitäten versöhnt mich vorerst mit meiner Außenwirkung. Immernoch besser als Sextourist.

Philipp Baar

Journalist - Autor - Ruhrgebiet

You may also like...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *