Auf der Suche nach Barcelona




Vor der Abreise, im deutschen Regen, erzähle ich jedem, der es hören will, dass wir nach Barcelona fliegen. Die Assoziationen der Gesprächspartner sind immer dieselben: „Sonne, Strand, Messi.“ Der mini Fußballgott ist ab dem Ankunftsterminal dann tatsächlich ebenso präsent wie die Sonne. An jeder Ecke strahlt er einem entgegen, und nachdem das gesagt ist, ignorieren wir ihn so gut wie möglich als wir unser Zimmer nahe dem Camp Nou Stadion, seinem Tempel, beziehen.

Denn wir suchen hier etwas Anderes. Was das genau ist, wissen wir am Anfang selbst noch nicht. Im Touristenstrom schwimmen wir erstmal in die Altstadt und finden Geschäfte. L ist begeistert, überall kleine Läden, überall „local artists“, und entdeckt Jacken, Kleider, Schuhe. Ich begutachte ihre Modenschau, rede mit den Angestellten und rauche vor der Tür im Schatten alter Mauern voller Fenster und dazwischen gespannten Wäscheleinen.

Eine Horde Japaner spült uns auf die Promenade und an den Strand, wo wir mit Blick aufs Wasser Cocktails trinken. Alle paar Minuten wird uns etwas angeboten: Kleine Thaifrauen wollen uns an die Füße, große Schwarzafrikaner wollen Strandtücher verkaufen.

Wir lehnen konsequent ab, was aber niemanden daran hindert, uns kurz danach den nächsten Schnickschnack andrehen zu wollen. Die Masseurinnen sind dabei die Hartnäckigsten, aber mir fiele nicht einmal im Traum ein, mir hier, in der Strandbar sitzend, zu einem Spottpreis die Füße massieren zu lassen, weil es mir irgendwie wie gelebter Kolonialismus vorkäme.

Die Tussi am Nebentisch sieht das anders. Schon sinkt eine Thai vor ihr nieder, streift ihr vorsichtig die Socken von den Füßen und beginnt zu massieren. Das Gesicht ihrer Patientin bleibt ausdruckslos, sie redet die ganze Zeit über einfach weiter mit ihrer Begleiterin. Die Thai wird zur Kulisse degradiert, wird eins mit dem Meer, dem Sand und dem Wind. Das klingt idyllisch – ist es aber nicht.20160328_164844

Wir brechen wieder auf und überlassen die Kolonialherrin ihrer Dienerschaft. Wir haben andere Bedürfnisse, nämlich Hunger. La Rambla, die ChampsÉlysées Barcelonas, nur mit weniger Verkehr und mehr Charme bringt uns auf den Mercat de la Boqueria.

Ein Farbenmeer aus Gemüse, Obst, Säften, Fleisch, Fisch und jeder Stand bietet kleine Portionen für unterwegs an – „to go“, wie es auch auf Neuspanisch heißt. L und ich futtern uns durch das Angebot und ich bin ziemlich zufrieden. Die Marktgassen sind brechend voll, aber ich habe den Eindruck, hier sind genauso viele Einheimische wie Touristen unterwegs, die dafür sorgen, dass die Atmosphäre authentisch bleibt und die Szene nicht umkippt und die Markthalle zur Attraktion, zur Sehenswürdigkeit wird. Touristen können einem Ort seine Seele rauben – das beste Beispiel dafür in Spanien ist Mallorca. Aber der Markt blieb davon bisher verschont, obwohl die Damoklesschwerter der großen Kreuzfahrtgesellschaften schon im nicht weit entfernten Hafen liegen.

Nach dem Essen brauchen wir Koffein. Und zwar nicht „to go“, sondern „to sit“. Also zurück in die Altstadt, auf der Suche nach einem Café. Oder besser gesagt nicht nach „einem“ Café, sondern nach „dem Café“, also eines, das uns lockt, das ein gewisses Flair hat, Tische im Schatten und nicht zu überfüllt ist. Keine leichte Aufgabe, aber Barcelona nimmt uns die Arbeit ab und treibt uns so lange durch ihre Gassen, bis wir plötzlich auf einem wunderschönen Innenhof stehen, dessen Ränder mit Säulengängen gesäumt sind, mit Tischen zwischen den Pfeilern, durch hunderte Jahre alte Mauern vor der Sonne geschützt. In der Mitte des Platzes steht eine Bühne, auf der Musiker gerade ihre Instrumente aufbauen, unter den Augen einer Menschenmenge, die vollständig aus Einheimischen zu bestehen scheint. Keine Rucksäcke, keine Bauchtaschen, keine Jack Wolfskin Allwetterjacken.

Ich entdecke einen perfekten Tisch – Blick auf die Bühne, Sonne für sie, Schatten für mich – und wir lassen uns nieder als die ersten Töne erklingen. Die Musiker scheinen aus einer Musikschule zu stammen und stimmen ihre Instrumente. Ein grimmiger Katalane bringt Kaffee und Tapas, dann sind die Musikschüler soweit und beginnen zu spielen. Ein Mädchen tritt ans Mikrofon, singt die ersten weichen Töne und gibt damit der Menge das Kommando loszulegen. Die Barcelonesen tanzen für uns. Und wie. Immer Mann und Frau zusammen wirbeln sie über den Platz und um unseren Tisch herum.

Die Suche ist beendet und jetzt weiß ich auch, was von Anfang an unser Ziel war: Diese eine Einzelsituation, die unseren Besuch zum Erfolg werden lässt. Die eine Situation, die das ganze Spiel entscheidet. – Im Camp Nou würden sie es den „Messi Moment“ nennen. Der Platz, sein Licht, die Musik sind unser Zuckerpass, jetzt führen wir mit eins zu null und wenn wir uns nicht total dumm anstellen, kann eigentlich auch nicht mehr viel schiefgehen.

Hier geht es zum Video Barcelona.

Philipp Baar

Journalist - Autor - Ruhrgebiet

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